
Irgendwo zwischen Dresden und Amsterdam, während draußen die Felder vorbeizogen und ich zum dritten Mal meine Playlist gewechselt hatte, ging ein Gedanke durch meinen Kopf: Das hier ist meine erste Soloreise als Mama. Tatsächlich sogar meine allererste Soloreise überhaupt. Und ich hatte sie noch nicht mal bewusst geplant, obwohl ich sonst eigentlich alles plane.
Mein Kollege hatte ein paar Tage vorher abgesagt, aber die Dienstreise nach Amsterdam stand natürlich trotzdem im Kalender. Und irgendwie war das Thema damit für mich erledigt gewesen. Die Ausgangslage hatte sich geändert. Das eigentliche Realisieren, was das für mich bedeutet, kam erst viel später.
Am Ende fing meine ungeplante aber absolut wundervolle Soloreise mit einer achtstündigen Zugfahrt an, die ich mit all den Dingen füllen konnte, die mir Freude bereiten. Dazu zählten an diesem Tag lesen, schreiben und Musik hören. Die Zugreisen sind mit unsren Kindern inzwischen längst nicht mehr so anstrengend wie früher, als sie noch kleiner waren. Aber das hier war noch mal etwas ganz Anderes.
Nur der Zug und ich und eine ewig lange Zeit, die nur mir gehörte. Irgendwann saß ich da und dachte: Wahnsinn.
Über das Ankommen und Unterwegssein
Sofort als ich den Amsterdamer Hauptbahnhof verlassen habe, war es da. Ein Gefühl, das sich gar nicht so richtig einordnen lässt und sich einfach natürlich anfühlt.
Ich bin abgebogen, weil ich es wollte. Ich habe gegessen, weil ich Hunger hatte. Ich bin stehengeblieben, weil ich mir etwas anschauen wollte. Ich schlenderte durch Gassen, Parks, über zufällige Brücken und fand einen Markt, den ich eigentlich gar nicht gesucht hatte. 40.000 Schritte am Tag ließen mich körperlich abends müde ins Bett fallen, aber mein Kopf war so klar, dass ich kaum wusste, was ich damit anfangen sollte.
Überrascht hat mich dabei am meisten, dass es sich überhaupt nicht nach Freiheit im großen Sinne angefühlt hat. Eher wie eine Rückkehr zu etwas ganz Normalem. Als wäre das einfach ich, wenn ich nicht gleichzeitig noch vier andere Personen bin.
Im Hotel war es dann kurz komisch. Logisch – es fielen ja alle Routinen und Strukturen am Abend komplett weg. Mein Zimmer im Kapselhotel war klein, aber genau richtig: ein Hochbett, ein Schreibtisch, ein eigenes Bad und sogar ein kleines Fenster. Auf dem Weg von der Straßenbahn zum Hotel bin ich durch den Campus Uilenstede gekommen, der mit Lichterketten entlang der Straße eine wunderbar friedliche Atmosphäre erzeugte. Es war ungewohnt still. Aber ich liebe diese Stille und von daher war es ungewohnt schön.
Das Frühstück am nächsten Morgen schloss nahtlos an diese Stille an. Kein Kind im Schlafanzug um 7:30, dem der Schulranzen noch fehlt und vor allem keine kurzfristigen Entscheidungen, die eigentlich jemand anderes treffen könnte, aber dann doch bei mir landet. Es war ein Morgen ohne Trubel bei dem ich ganz in Ruhe meine Gedanken für den Tag sortieren konnte. Und das schönste war: ich wusste es würden noch drei weitere folgen.

Was die Stille mit mir gemacht hat
Als ich meine Tage in Amsterdam geplant hatte, wusste ich von Anfang an, dass ich mir bewusst kleine Ruheinseln als Ausgleich zum lauten Messetag schaffen musste. Dazu zählten zwei Ausflüge: die Fahrt mit dem Zug nach Zandvoort aan Zee und meine morgendliche Wanderung durch die Middelpolderen. Letztere hatte ich vorher auf Google Maps gefunden und sofort gewusst, dass dieser Ort wie für mich gemacht ist.
Weite Wiesenflächen, Gräben, Bauernhöfe. Dazu waren kaum Menschen unterwegs. Nur ab und zu ein Jogger, der an mir vorbeizog und das leise Rauschen eines landenden Flugzeugs am Horizont, weil der Flughafen Schiphol nicht weit ist. Die Sonne war gerade dabei aufzugehen, ihr Licht brach sich in den Tautropfen an den Gräsern. Ich bin einfach gelaufen und habe die Stimmung in mich aufgesogen. Denn die nächsten drei Stunden bis zum Beginn des Messetages wollte niemand etwas von mir.
Das war einer der schönsten Momente der ganzen Reise. Genau wie Zandvoort, wo mich ein fast leerer Strand im Nebel empfangen hatte und die Nordsee sich für meine To-do-Listen herzlich wenig interessierte. Beide Orte haben mir dasselbe gegeben: die Erinnerung daran, wie sich ein Kopf anfühlt, der wirklich frei ist.
Mein Alltag ist voll. Voll mit Entscheidungen, Bedürfnissen und zu organisierenden Aufgaben, die sich irgendwo zwischen dem Schulausflug nächste Woche und der zu füllenden Brotdose eingenistet haben. Ich hatte das so sehr verinnerlicht, dass es längst mein Normalzustand geworden war, ohne dass ich je gefragt hätte, was mich das eigentlich kostet.
Mehr darüber, wie ich als introvertierte Mama mit genau diesem Thema bei Familienreisen umgehe, habe ich im Artikel Introversion trifft Familienurlaub aufgeschrieben.



Was ich über mich als Mutter gelernt habe
Ich kenne mich gut. Ich weiß seit Langem, wie ich ticke, was mir guttut und was meine Energiefresser im Alltag sind. Von daher war es keine Überraschung, dass das Alleinreisen für mich absolut kein Problem darstellt. Ganz im Gegenteil.
Was sich trotzdem innerhalb der Woche langsam eingeschlichen hat, war vielmehr die Erkenntnis wie viel leistungsfähiger ich bin, wenn ich allein bin. Wie viel schneller ich Entscheidungen treffen kann, wenn ich nicht noch die Bedürfnisse von drei weiteren Personen berücksichtigen muss. Ich konnte umplanen, bin länger geblieben oder woanders hingegangen, wenn es mich weitergezogen hat. Eine Stadt allein zu erkunden ist eine völlig andere Erfahrung und lässt sich überhaupt gar nichts mit einem Familienurlaub vergleichen. Am letzten Abend habe ich sogar spontan mit einer neuen Bekanntschaft von der Firmenveranstaltung gegessen, weil es sich in dem Moment richtig angefühlt hat.
Der Mental Load, der sonst im Hintergrund läuft, war einfach weg und der Unterschied war deutlicher, als ich erwartet hatte.
Ehrlicherweise habe ich während der ganzen Reise nur sehr selten an meine Kinder gedacht. Ich habe sie pflichtbewusst abends zum Schlafengehen angerufen, aber das war es auch. Macht mich das zu einer schlechten Mutter? Ich glaube, eher zu einer, die ihren Freiraum wie Luft zum Atmen braucht, um ihren Kindern bestmöglich begegnen zu können. Ich bin voller Erinnerungen und geistig erholt nach Hause gekommen.
Und die Familie? Die hat ohne mich funktioniert. Vielleicht nicht, wie die gut geölte Maschine, die wir sonst im Alltag sind. Aber zumindest wie eine, die bei meiner Rückkehr nur noch ein bisschen geputzt werden musste.

Was nicht so schön war
Die schönsten Momente wollte ich teilen. Irgendjemanden am Ärmel ziehen und sagen: schau mal, da. Das geht allein nicht. Du erlebst es und dann ist es nur bei dir selbst. Besonders im Amstelpark habe ich das gespürt. Ich hatte einen netten Stadtpark erwartet und stattdessen eine Parkeisenbahn, eine echte Windmühle aus dem 17. Jahrhundert und kleine thematische Gärten gefunden, durch die wir uns stundenlang hätten treiben lassen können. Ich stand da, betrachtete den Park durch meine Mama-Augen und wusste, das meine Familie das lieben würde.
Könnt ihr gut Selfies machen? Also ich nicht – ich bin eine absolute Niete darin. Das war eines der ersten Dinge, die ich auf dieser Soloreise über mich gelernt habe. Und habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wer auf das Gepäck aufpasst, wenn man mal kurz auf die Toilette muss? Wie sich herausstellte, waren es vor allem die kleinen Dinge, die mich in Amsterdam vor unerwartete Herausforderungen gestellt haben.
Dazu kommt die Organisation vorher. Ich habe versucht so viel wie möglich vorher so regeln, dass es auch ohne mich funktioniert. Und auch die Rückkehr war ohne Übergangszeit zwischen Amsterdam und dem Alltag eine recht unsanfte Landung.
Was zu Hause auf mich gewartet hat
Meine Kinder haben mich natürlich Freitagabend vom Bahnhof abgeholt und kurz nach dem Aussteigen fand ich mich in einer freudig lauten Umarmung wieder. In dem Moment, wo ich sie in den Arm genommen habe, war ich wieder zu hundert Prozent Mama. Denn das fühlt sich genauso notwendig an wie das Alleinsein.
Mein Mann hatte die Woche irgendwie überstanden. Er ist kein Organisationstalent, das sage ich mit viel Zuneigung und aus langer Erfahrung, aber das wichtigste Ziel war erfüllt: Die Kinder lebten noch. Anfangs waren sie noch entrüstet darüber gewesen, dass ich ohne sie „Urlaub“ mache, aber bei meiner Heimkehr war davon schon gar nichts mehr zu spüren.
Ich hatte beiden einen Schlüsselanhänger mitgebracht, den hat meine Tochter das ganze Wochenende nicht aus der Hand gelegt. Und vom Bloemenmarkt hatte ich einen ganzen Sack Tulpenzwiebeln dabei. Die meisten davon waren für Kollegen, aber meine Kinder durften sich als Erstes zwei aussuchen. Zwanzig verschiedene Sorten waren drin, aber die Zwiebeln sahn alle gleich aus – das war schon schwierig sich da zu entscheiden. Ein paar Tage später haben wir die beiden Zwiebeln auf dem Balkon eingepflanzt. Ein bisschen Erde unter den Fingernägeln, ein bisschen Vorfreude auf ein Frühjahr, das gar nicht ehr so weit weg war. Eine der Zwiebeln hat dieses Jahr tatsächlich geblüht. Die andere schafft es vielleicht im nächsten Jahr..
Ich glaube das war der Moment, der die Reise für mich wirklich abgeschlossen hat.


Und jetzt?
Ich würde es wieder machen. Und ich kann nur jedem empfehlen, es auszuprobieren.
Denn ich habe fünf Tage lang gemerkt habe, wer ich bin, wenn niemand etwas von mir braucht. Ich bin jemand, der gerne weit läuft. Der Stille sucht und findet. Der auch ohne Kinder mit Mama-Augen durch Parks streift und dabei trotzdem ganz bei sich ist. Jemand, der Selfies definitiv noch üben muss.
Mit freiem Kopf bin ich wieder nach Hause gekommen. Müde, aber irgendwie aufgeräumt. Und mit dem klitzekleinen Vorsatz, mir das ab sofort jedes Jahr zu gönnen.
Der Koffer für die nächste Soloreise als Mama ist mental auf jeden Fall schon gepackt.
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