
Christianes Schreibeinladung für Juni hat mich diesmal ganz plötzlich erwischt. Die Wörter waren Wolke, stur und sortieren und ich wusste sofort, wohin sie mich ziehen würden.
Diesmal ging es auch irgendwie auf Reisen. Aber statt in die Ferne zu schweifen, sollte es dieses Mal eine Reise nach innen werden.
Diese Etüde ist aus einem Abend entstanden, an dem ich mich selbst dringend sortieren musste. Dann schreibe ich nicht, um eine Geschichte zu erzählen, sondern weil die Wörter der einzige Weg sind, den eigenen Kopf wieder ein bisschen leerer zu machen. Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber das Geräusch meiner fliegenden Finger auf der Tastatur hat irgendwie etwas Tröstliches.
Mein Kopf sortiert noch. Draußen, drinnen, wer was wollte, wer nichts gesagt hat und warum nicht. Jede Stimme von heute hängt irgendwo an mir fest. In mir. Jedes Lachen, das zu laut war, jeder Quadratmeter Menschenmenge, durch den ich mich geschoben habe und der jetzt noch an meinem Körper klebt wie der Schweiß nach einem Marathon. Eine Wolke, die sich einfach nicht auflöst. Der Druck sitzt hinter den Augen, im Kopf, in den Ohren und auch sonst gefühlt überall. Selbst das schwache Licht des Laptops ist fast zu viel.
Mein Bauchgefühl hat es gewusst. Schon gestern und auch heute Morgen beim Aufstehen. Es hat gebrummt, gemahnt, ein leises Nein in meine Richtung geschickt. Ich bin stur daran vorbeigegangen, habe den Rucksack gepackt, die Tickets rausgesucht und mir erklärt, dass es schon geht. Zwischendurch fragte ich meine Kinder mindestens zehnmal, ob sie lieber nach Hause möchten und traute mich gleichzeitig selbst nicht mutig voranzugehen. Irgendwo zwischen der zu vollen Hüpfburg und der Schlange am Imbiss, aus der wir wieder abgezogen sind, ohne dass jemand protestiert hat, hätte ich es wissen müssen.
Es ist nicht gegangen.
Meine Tochter hat am Ende gesagt, ich wäre die beste Mama der Welt. Das war in dem Moment, als ich alles, was in mir brannte, noch einmal nach unten gedrückt hatte, um für sie da zu sein. Wie kann ich mir wünschen, dass sie offen über ihre Bedürfnisse spricht, wenn ich den ganzen Tag kein einziges Mal offen über meine gesprochen habe? Ich weiß nicht, ob ich darüber weinen oder lachen soll.
Vielleicht beides. Vielleicht später.
Jetzt sitze ich hier und schreibe, weil das die einzige Möglichkeit ist, wieder zu landen. Kein Rat, keine Lösung. Nur die Finger auf den Tasten und der Gedanke: Morgen wird alles wieder in Ordnung kommen.
Diesmal ohne langes Kürzen und Feilen. An manchen Tagen sprudeln die Wörter förmlich aus mir heraus und ich muss ihnen nur noch den Weg freimachen. So war es hier.
Am nächsten Morgen war zwar noch nicht wieder alles gut. Aber die Welt sah schon deutlich sonniger aus.
Habt ihr auch so einen Weg, mit dem ihr euch an schweren Abenden wieder sortiert?
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Ich glaube, dass deine Erfahrung übertragbar ist, auch wenn man (wie ich) keine Kinder hat. Ich war sofort in deiner Geschichte drin und danke dir fürs Teilen.
Nun bin ich eher eine Grüblerin, und wenn ich an dem Punkt angelangt bin, dass ich mich nur noch im Kreis drehe, weiß ich, dass es an der Zeit ist, nach außen zu gehen, auch wenn ich gar kein Bedürfnis danach habe. Manchmal hilft körperliche Bewegung, was bei mir meist ein langer Spaziergang (allein) ist. Manchmal hilft nur die Bitte an einen Lieblingsmenschen, sich das mal anzuhören, was ich da im Kopf herumschiebe, und mir zu sagen, was ihm oder ihr auffällt. Quasi ein Aufstellungssetting: Perspektive ändern – und manchmal ergibt dann etwas mehr Sinn, was es vorher nicht getan hat.
Danke dir sehr für die Etüde.
Liebe Grüße
Christiane, die am Wochenende wieder mal unterwegs war
danke dir von Herzen für deinen lieben Kommentar. Es freut mich sehr, dass du dich in meiner Geschichte wiederfinden konntest, auch wenn deine Lebenssituation eine andere ist.
So konnte ich mich auch in deinen Strategien wiederfinden – ein langer Spaziergang hilft auch bei mir manchmal Wunder. Am liebsten gleich früh am Morgen, wenn der Großteil der Stadt noch schläft.
Zu wissen, dass es da draußen andere Menschen gibt, die ähnliche Erfahrungen machen und ähnliche Wege suchen, tut gut.
Danke, dass du deine Gedanken mit mir geteilt hast.
Liebe Grüße, Lisa