
Es war der letzte Tag unseres Familienurlaubs in Schweden. Eigentlich hätten wir entspannt im Zug nach Hause sitzen sollen, die Kinder mit Kopfhörern, ich mit einem Buch in der Hand. Stattdessen saßen wir im Gang eines überfüllten ICs, unser Gepäck quer über den Boden verteilt. Der EC war ausgefallen, wir mussten spontan einen anderen Zug – ohne Sitzplatzreservierung – nehmen und in Leipzig sogar noch einmal umsteigen. Und das alles in dem Wissen, dass unser Sohn an diesem Nachmittag noch zum Zuckertütenfest in den Kindergarten wollte.
Solche Momente kennt vermutlich jede Familie die reist. Der Moment wo der Plan nicht mehr gilt und man mittendrin steht und entscheiden muss wie es weitergeht.
Aber die eigentliche Geschichte fängt viel früher an. Unsere Erwartungen an den Urlaub entstehen lange bevor wir im Gang eines überfüllten Zuges sitzen oder uns bei Dauerregen in der Ferienwohnung langweilen. Im Grunde geht es um das Bild, das wir uns vom Urlaub machen. Was er sein soll. Was er bringen soll. Und wie sehr wir daran festhalten, wenn die Realität eine andere ist.
Warum wir so hohe Erwartungen an den Urlaub haben
Urlaub ist knapp. Vier Wochen im Jahr, vielleicht fünf, oder sechs und die sollen es irgendwie rausreißen. Den Alltagsstress kompensieren, die Familie zusammenbringen, Erinnerungen schaffen, Erholung bringen, … Die Liste ließe sich vermutlich unendlich fortführen. Das ist eine enorme Erwartung an ein paar Tage. Und je knapper die Zeit, desto größer der Druck, dass sie sich lohnen muss.
Vielleicht ist das sogar ein ganz allgemeiner Mechanismus. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass meine Erwartungen umso größer werden, je länger ich auf etwas hinfiebere. Je mehr Zeit ich damit verbringe, mir auszumalen, wie schön ein Urlaub werden soll, desto höher wird die Messlatte. Aus ein paar freien Tagen wird plötzlich „die Reise des Jahres“. Und genau das macht es der Realität später so schwer, mitzuhalten.

Außerdem kommt für mich als introvertierte Mutter noch etwas dazu: Reisen kostet mich neben Geld auch Energie. Unterwegs sein mit Kindern bedeutet bei mir permanente Reize, bei wenig Rückzug und noch weniger Momenten der Stille. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – soll es besonders schön sein. Der Druck, dass es sich lohnen muss, sitzt tiefer als man denkt.
Dabei fängt das Problem oft schon vor dem ersten Reisetag an. Die Psychologen Timothy Wilson und Daniel Gilbert nennen das Affective Forecasting – unsere Fähigkeit vorherzusagen, wie wir uns in der Zukunft fühlen werden. Und ihre Forschung ist da ziemlich eindeutig: Wir sind darin nicht besonders gut. Wir überschätzen, wie toll etwas sein wird und gleichzeitig unterschätzen wir, wie schnell wir uns anpassen können, wenn es anders kommt.
Ich glaube Urlaubsbilder entstehen irgendwo zwischen den eigenen Erinnerungen, unseren Wünschen und dem was wir bei anderen sehen. Social Media lässt grüßen. Manchmal hat das alles längst nichts mehr mit der Familie zu tun, die wir inzwischen sind.

Unser erster Sommerurlaub mit beiden Kindern auf Mallorca hat mir das sehr deutlich gezeigt. Ich hatte einfach übertragen, was vorher funktioniert hatte – Pauschalreise, Strand, Ausflüge. Nur eben statt zu zweit jetzt mit Kindern. Was ich nicht einkalkuliert hatte: dass zwei kleine Kinder einen völlig anderen Urlaub brauchen als wir. Am Ende war ich in einer Blase aus Frust gefangen und kam da nicht mehr raus. Das Bild unseres perfekten ersten Urlaubs in meinem Kopf stammte aus einer Zeit, die es so nicht mehr gab.
Inzwischen planen wir unsere Urlaube auch ganz anders. Wie genau kannst du in folgendem Artikel nachlesen: Von der Idee zum Lieblingsurlaub – mein System für die Planung von Familienreisen.
Aber das ist die ruhige Erkenntnis im Nachhinein. Was passiert eigentlich im Moment selbst, wenn es nicht so wird wie erhofft?
Wenn die Realität anders als die Erwartungen ist
Ich glaube, die ehrliche Antwort ist: es kommt drauf an. Manchmal halten wir einen Moment ganz krampfhaft fest und hoffen, dass er doch noch gut wird. Und manchmal kommt so viel auf einmal, dass der Frust einfach immer größer wird, bis nur noch der letzte Tropfen fehlt, um das Fass zum überlaufen bringt.
Beim Footballspiel in Dresden zum Beispiel wusste ich eigentlich schon beim Aufstehen, dass es keine gute Idee war. Wir sind trotzdem gegangen und ich habe mir eingeredet, dass es schon gehen wird. Und dann saßen wir da – schlechte Sicht, zu laut, zu voll – und ich habe meine Tochter mindestens zehnmal gefragt ob sie lieber nach Hause möchte, ohne mich selbst zu trauen, es einfach vorzuschlagen. Sie wollte den Moment nicht kaputtmachen, ich wollte irgendwie, dass es doch noch gut wird. Also sind wir geblieben, obwohl es besser gewesen wäre, einfach zu gehen.
In Annaberg-Buchholz war es komplett anders. Wir wollten ins Bergwerk am Markt und hatten uns schon das ganze Wochenende alle darauf gefreut. Als wir ankamen, waren die Tickets bereits ausverkauft. Es gab weder die Möglichkeit online zu reservieren, noch einen Hinweis auf der Website, dass das nötig sein könnte. Und als uns die Dame am Empfang mit einer überheblichen Selbstverständlichkeit erklärte, dass das an solchen Tagen normal wäre und wir halt hätten anrufen müssen, kippte die Stimmung.
Ich glaube, das Ticket allein hätten wir weggesteckt. Aber die Unfreundlichkeit hat den ganzen Fust noch einmal viel größer gemacht. Anders als bei dauerhaft schlechtem Wetter hatten wir hier ein Gesicht, dem wir im übertragenen Sinne die Schuld geben konnten. Und das hat uns nicht gerade dabei geholfen, das Thema abzuhaken.
Blöde Momente passieren. Das ist keine besonders tiefe Erkenntnis, aber gleichzeitig kann der erste ehrliche Schritt sein, das kurz anzuerkennen und anschließend versuchen weiterzumachen.
Was uns hilft und was wir loslassen dürfen
Was uns nicht hilft: krampfhaft an einer Situation festhalten, nur weil man Geld dafür ausgegeben hat. Das habe ich beim Football-Spiel in Dresden mal wieder gezeigt bekommen. Wir hätten früher gehen können und es wäre für mich und meine Tochter die bessere Entscheidung gewesen. Aber irgendwo zwischen Kopf und Bauch geht mir diese Logik oft verloren. Ich merke, dass ich in solchen Momenten den Frust länger mit mir trage als nötig – meist verstärkt durch das Wissen, Eintritt bezahlt zu haben.
Was uns hilft ist meistens das Gegenteil: loslassen und weitermachen, auch wenn es anders wird als geplant. Und auch, wenn es sich im ersten Moment blöd anfühlt.
An jenem Tag in Annaberg sind mein Mann und mein Sohn einfach in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren. Meine Tochter und ich sind noch über den Weihnachtsmarkt direkt am Marktplatz geschlendert. Sie hat in einer Drechselstube einen Kerzenständer gedrechselt, in der Wichtelwerkstatt gebastelt und irgendwann war der Ärger über das Bergwerk einfach weg.
Beim Regen haben wir das bisher immer gut hinbekommen. In Kolding hatten wir sowohl am Anfang als auch am Ende unserer Dänemark-Rundreise richtig Pech. Erst saßen wir auf einem Tretboot als es anfing zu schütten. Wir versuchten noch uns unter einem Baum unterzustellen, was natürlich nicht besonders gut funktionierte. Das ist eine sehr lustige Erinnerung. Als es auf der Rückreise dann wieder regnete, verbrachten wir den Tag spontan im Schwimmbad. Alle haben es geliebt.
Ehrlich gesagt weiß ich aber nicht, wie wir reagieren würden wenn der Regen wirklich nicht aufhört. Wenn die Sicht weg ist, die Regenalternativen erschöpft sind und einfach nichts mehr geht. Das hatten wir noch nie, aber ich vermute, dass uns das Wetter dieses Jahr auf Island vor solche Herausforderungen stellen könnte.


Wenn es besser wird als erwartet
Auf den Triumphbogen in Paris sind wir ohne große Erwartungen gestiegen. Das Miniaturwunderland in Hamburg? Eher etwas für meinen Sohn, dachte ich. Am Ende waren wir ganze vier Stunden drin, alle gingen mit einem Grinsen heraus und es wurde einer der schönsten Abende des ganzen Kurzurlaubs in Hamburg. In Paris standen wir spontan am letzten Abend klatschnass in Montmartre, jubelten für Radfahrer die wir nicht kannten und keiner wollte weg.
Niedrige Erwartungen die übertroffen werden, hinterlassen manchmal die schönsten Erinnerungen. Und das bringt mich zu einer Frage die ich mir schon sehr oft gestellt habe: Ist die Lösung dann einfach, nichts mehr zu erwarten? Ich glaube nicht. Denn ohne Erwartungen keine Vorfreude. Und Vorfreude ist für mich einer der schönsten Teile des Reisens. Sie beginnt beim Recherchieren, beim Vorstellen und oft auch schon Monate, bevor wir überhaupt die Koffer packen.
Die Herausforderung beginnt für mich erst dort, wo aus Vorfreude eine feste Erwartung wird und ich der Realität keinen Raum mehr lasse, anders zu sein.
Aber vielleicht liegt es an der Art der Erwartung. Große, konkrete Erwartungen – das Bergwerk muss offen sein, das Wetter muss stimmen, alle müssen begeistert sein – lassen wenig Spielraum. Wenn ich dagegen einfach neugierig bin, was ein Ort bereithält, kann mich die Realität kaum enttäuschen. Die Frage ist also nicht, ob wir etwas erwarten, sondern wie stark wir an den Erwartungen festhalten, wenn es anders kommt. Und über das, was uns dabei antreibt – Neugier oder die Angst etwas zu verpassen – damit habe ich mich im FOMO-Artikel schon ausführlich beschäftigt.

Die Erlaubnis, die wir uns selbst geben müssen
Ich weiß inzwischen, wie es sich anfühlt, wenn der Rahmen stimmt. Mit ruhigen Abenden im Schwedenhäuschen, Dünenerkundungen in Dänemark oder kurzen Alleinwanderungen an der Opalküste. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn es nicht passt.
Ich glaube, das Schwierigste ist gar nicht die Enttäuschung selbst. Es ist die Erlaubnis, enttäuscht zu sein, die wir uns selbst geben müssen. Das Zulassen, dass ein Moment, ein Tag, manchmal ein ganzer Urlaub nicht so wird wie erhofft und dass das kein Versagen ist.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, weniger zu erwarten. Sondern darum, unseren Erwartungen nicht mehr Bedeutung zu geben als dem, was tatsächlich vor uns liegt.
Urlaub darf auch mal blöd sein.
Und danach fährt man trotzdem wieder los.
Und du? Kennst du das Gefühl, wenn der Urlaub nicht so wird wie erhofft? Erzähl mir gern davon in den Kommentaren.
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Ich überlege gerade, welcher Ausflug oder welcher längere Urlaub meine Erwartungen übertroffen oder überhaupt nicht erfüllt hat! Übertroffen eindeutig die Fan-Reise nach Schottland damals, auch wenn ich 1000 Tode im Flugzeug dorthin und nach Hause gestorben bin! Aber davon mal abgesehen, war das der lustigste und coolste Urlaub bisher!
Und nicht erfüllt? Da fallen mir gerade nur zwei Auftritte von zwei Comedians in Berlin ein, die damals wegen Corona um ein Jahr verschoben wurden! Irgendwie hatte ich mir beide Erlebnisse lustiger vorgestellt! Bei einem war ich sogar froh, als die Show vorbei war!
Aber ja, man hat lange geplant, zum Teil viel Geld ausgegeben, ist angereist und dann wünscht man sich natürlich, dass alles perfekt wird! Was ich übrigens auch nicht leiden kann, sind unfreundliche Leute! Die Dame bei dem Bergwerk hat Euch sicher direkt wieder vergessen, aber wie einschneidend das Erlebnis war, merkt man ja daran, dass du immer noch daran denken musst!
Liebe Grüße
Jana
Vielleicht wärst du weniger enttäuscht gewesen, wenn die Auftritte der Comedians nicht verschoben worden wären?
Zumindest bei mir steigert die vergangene Zeit und das Warten auf Etwas definitv die Vorfreude…
Liebe Grüße, Lisa
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