
Nachmittags, 5 Uhr, irgendwo mitten in Amsterdam. Dazwischen ich, allein und ohne meine Familie, in der reinsten Feierabend-Verkehrshölle. Um mich herum unzählige Radfahrende, die nur eine nicht sehr touristenfreundliche Geschwindigkeit kennen und ständig am Klingeln waren. Dazu kamen die vorbeiratternden Straßenbahnen und die Touristenströme, die sich in den verschiedensten Sprachen miteinander austauschten. Die Mission des Tages: Trotzdem so viel wie möglich von der Atmosphäre der Stadt erleben. Schon nach wenigen Minuten merkte ich, wie viel Energie das kostete und wie froh ich darüber war, dass ich nicht zusätzlich auf die Kinder achten musste.
Dann kam ich am Begijnhof vorbei. Geht es um ruhige Orte mitten in der Innenstadt von Amsterdam, ist das eine der ersten Empfehlungen, die ich jedem gebe.
Es war, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Die Geräusche der Stadt waren nur noch gedämpft zu hören, der Gesprächslärm von draußen wurde zu einem leisen Flüstern. Die Sonne ging gerade unter und spiegelte sich in den Fenstern der Wohnhäuser. Ein paar Wege waren „nur für Anwohner“ abgesperrt, aber es waren ohnehin so wenige Menschen dort, dass es sich fast wie eine andere Welt anfühlte.
Zwischen den vielen gelben Narzissen im März wurde mir klar: Das brauchen wir auch als Familie. Und genau das sind auch die Orte, die ich instinktiv schon jedes Mal bei Städtereisen mit den Kindern einplanen. Orte, die etwas aus der Norm herausfallen, die etwas leiser sind, etwas abseits der Touristenmassen liegen und uns eine Pause ermöglichen.
Ich habe die vielen Gedanken, die ich mir bei jeder Reiseplanung mache, auf vier Fragen heruntergebrochen. Sie funktionieren dabei, egal wohin es für uns – oder euch – als Nächstes geht. Denn ich weiß, dass unsere Energie als Familie nicht endlos ist und auch die Kinder zwischen dem Trubel einer großen Stadt immer wieder Momente zum Durchatmen brauchen.
Frage 1: Gibt es einen Ort, der trotz zentraler Lage ruhig ist?
Oft sind das unscheinbare Eingänge, Innenhöfe oder Plätze, an denen die meisten Menschen einfach vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Der Begijnhof ist dafür das beste Beispiel. Er liegt mitten in der Amsterdamer Innenstadt und ist trotzdem eine eigene, stille Welt.
In Paris haben wir das in Montmartre Nord ganz in der Nähe unseres Hotels erlebt. Den Weg von dort zur Sacré-Cœur teilten wir uns lediglich mit den Parisern selbst. Die meisten Touristen scheinen von Süden aus der Innenstadt zu kommen, einmal kurz zum Place du Tertre zu gehen und wieder umzudrehen. Wir dagegen liefen durch kleine Gassen neben großen Alleen, vorbei an Lebensmittelmärkten mitten auf der Straße und über Stufen und Treppen mit Geländern, an denen unsere Kinder herunterrutschen konnten.
Ebenfalls in Paris haben wir mitten in der Stadt den zauberhaften Jardin d’Acclimatation gefunden – eine Mischung aus Freizeitpark, Zoo und Spielplatz. An unserem Besuchstag mitten in den Ferien war es so ruhig, dass wir nirgends anstehen mussten und den ganzen Tag die verschiedenen Attraktionen genießen konnten.
In Stockholm lag unser Hostel direkt auf der kleinen Insel Skeppsholmen. Jeden Morgen traten wir vor die Tür und noch bevor der erste Schritt in Richtung Innenstadt gemacht hatten, lag das Wasser vor uns, dahinter die Altstadt im Morgenlicht. Kein Verkehrslärm, keine Menschenmenge – nur das leise Schlagen der Boote an den Stegen war in der Ferne zu hören. Die Insel ist so klein, dass sich dort kaum jemand hinverirrt, der nicht dort wohnt.
Überhaupt war die ganze Atmosphäre in Stockholm sehr entspannt für uns als Familie, obwohl auch dort überall Menschen unterwegs waren. Selbst der Humlegården, ein großer Park mitten in der Stadt mit Spielplatz, Leihmöglichkeiten für Tretfahrzeuge und einer kleinen Baracke zum Basteln und Malen, fühlte sich nie eng an. Die Kindergartengruppen, die dort morgens auftauchten, verloren sich einfach zwischen den alten Bäumen und den vielen Spielmöglichkeiten.
Könnte es also sein, dass allein schon die Wahl des Reiseziels bei Städtereisen entscheidend für den Erholungsfaktor ist?

Frage 2: Lohnt sich vielleicht auch ein kleiner Umweg?
Viele Orte, die wir lieben, liegen etwas außerhalb der eigentlichen Stadt, weil genau diese kleine Distanz dafür sorgt, dass kaum jemand den Weg dorthin findet. Den Amstelpark in Amsterdam habe ich – wie auch den Begijnhof – bei meiner Solo-Dienstreise entdeckt. Am Rand des Parks steht eine sich drehende Poldermühle aus dem 17. Jahrhundert, umgeben von kleinen thematischen Gärten, die sich anfühlten, als würde man kurz in ein anderes Land springen. Dazu Minigolf, eine Parkeisenbahn und unscheinbare Waldwege, die man leicht übersieht, wenn man nicht bewusst danach sucht.
Manchmal bedeutet der Umweg auch nicht mehr Strecke, sondern einfach die andere Richtung. Im Tierpark Berlin haben wir uns kurzerhand entschieden, genau entgegen dem üblichen Besucherstrom zu laufen. Damit konnten wir vor allem am Anfang die Stille der weitläufigen, parkähnlichen Areale genießen, in die kaum jemand ging.
Auch in Hamburg haben wir bewusst die entgegengesetzte Richtung gewählt. Das scheint bei uns langsam zur Gewohnheit zu werden… 😉 Statt vom Hostel aus in die Innenstadt fuhren wir an den Stadtrand nach Billstedt, in eine Bibliothek mit Lego-Spieletag. Der Spieletag selbst war am Ende nicht der große Hit, aber Bibliotheken sind für mich – und mittlerweile auch für unsere Kinder – seit jeher richtige Oasen der Ruhe. Wir haben vorgelesen, Spiele gespielt und sind anschließend am Schleemer Bach entlangspaziert. Ein Traum von einem Nachmittag!
Frage 3: Kostet der Ort etwas?
Ist der Ort kostenlos, nimmt uns das die Entscheidung direkt ab. Wenn es auf dem Weg liegt, gehen wir einfach rein und schauen, ob es uns guttut. Gefällt es nicht, sind wir in zwei Minuten wieder draußen und zwar ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, den Eintritt erst „rausholen“ zu müssen. Das macht uns um Welten spontaner, als wir es sonst wären.
Im Tantolunden in Stockholm war es richtig voll – Decken an Decken, dazu überall Musik und Gelächter. Und trotzdem war es unglaublich schön. Die Kinder kletterten auf Bäume, die bis ins Wasser hineinragten und sprangen von dort ins kühle Nass, während wir am Ufer saßen und die Zeit genossen. Das Strandbad war kostenlos und genau das ließ uns so kurzfristig entscheiden, überhaupt hinzugehen.
Ein zweites Beispiel ist bei uns fast schon Gewohnheit geworden: Kirchen. In fast jeder Stadt gibt es eine, der Eintritt ist meistens frei, und wir gehen einfach rein, ohne groß zu überlegen. Drinnen wird es sofort leiser, das Licht fällt bunt durch die Fenster und die Kinder fangen an, unzählige Fragen zu stellen. Manchmal bleiben wir nur fünf Minuten, manchmal deutlich länger. Den Berliner Dom haben wir übrigens ausgelassen. Wir wollten kurz in die Kuppel schauen, aber es gab nur ein preisintensives Kombiticket mit Ausstellung. Das wäre zu viel für die Kinder gewesen und unser ganzer Tagesplan wäre über den Haufen geworfen worden. Also sind wir weitergezogen.
Aber nicht jeder Ort, der etwas kostet, fällt automatisch aus dieser Überlegung heraus. In der Opéra Garnier in Paris waren wir, weil ich sie in so guter Erinnerung hatte und weil der Eintritt bereits in unserem Paris-Pass enthalten war. Es war golden glänzend und beeindruckend, aber auch deutlich voller, als vor ein paar Jahren. Dazu kam, dass der Balkon leider nicht geöffnet hatte. Für die Kinder war der Sightseeing-Stopp furchtbar langweilig. Am Ende wurde es ein kurzer Besuch.
Die Kinder haben übrigens noch ein paar mehr Sehenswürdigkeiten in Paris bewertet. Nachzulesen hier: Minikritiker unterwegs in Paris.

Frage 4: Gibt es Randzeiten, die wir nutzen können?
Und sind diese Randzeiten für uns als Familie überhaupt realisierbar? Früh morgens oder kurz vor Schließung sind Orte oft fast leer, selbst wenn sie tagsüber aus allen Nähten platzen.
Bei den Middelpoldern zwischen Amsterdam und Amstelveen habe ich das selbst erlebt. Ich war dort direkt zum Sonnenaufgang unterwegs, nach einem verregneten Vortag und hatte die weite Polderlandschaft fast für mich allein. Nur ab und zu unterbrach ein landendes Flugzeug vom nahen Schiphol die Stille. Für meine Kinder wäre das Highlight wohl eher die Aussicht auf das kleine Floß, das man an einem Seil selbst über einen Wassergraben ziehen kann. Aber auch dafür lohnt sich eine frühe Uhrzeit, wenn wir es einmal gemeinsam ausprobieren.
Wer mehr über diese und weitere Amsterdam-Orte lesen möchte: Ich habe ausführlich über Amsterdam mit Kindern geschrieben, inklusive Amstelpark und Middelpolder. Und wer nach Amsterdam noch einen Tag an die Nordsee dranhängen will, dem sei der Ausflug nach Zandvoort aan Zee ans Herz gelegt.
Auch der Abend mit dem Picknick auf den Hügeln der Sacré-Cœur gehört in diese Kategorie. Es war nicht so gutes Wetter angesagt, mit jeder Stunde, die verging, wurden es immer weniger Menschen und plötzlich hatten wir einen wundervollen Ort, um den Tag ausklingen zu lassen.

Was sich sonst noch bewährt hat
Die vier Fragen oben sind die, um die ich gedanklich bei der Planung unserer Familienreisen am meisten kreise. Aber die Liste ist eben nie ganz abgeschlossen und zwei Erfahrungen passten in keine der vier Schubladen so richtig hinein.
Der Skansen in Stockholm zum Beispiel ist groß, für Familien konzipiert und genau deshalb verläuft sich der Besucherstrom sehr gut. Wir konnten die alten und nachgebauten Gebäude in Ruhe erkunden. An einer Station wurde den Kindern ganz gelassen gezeigt, wie früher Wäsche mit dem Waschbrett gewaschen und aufgehängt wurde. Daran können sie sich noch bis heute erinnern. Hier war also nicht die Randzeit entscheidend, sondern schlicht die Größe des Ortes – und die familienfreundliche Ausrichtung. Wer mal nach Dänemark oder Schweden kommt, wird das an vielen Orten bemerken.
Und manchmal ist eine Pause auch einfach ein Ortswechsel. Im Aquarium Paris, nur einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt, ging es uns genau so. Draußen drängten sich die Menschen zwischen Trocadéro und dem Rest der Stadt, drinnen empfing uns gedämpftes Licht, dunkle Räume und das leise Plätschern der Becken. Wir konnten uns Zeit lassen, die Haie im großen Panoramabecken zu beobachten oder die Hand ins Fühlbecken zu halten, bevor wir uns wieder ins Pariser Gedränge gestürzt haben. Kurz raus aus dem Sightseeing-Trubel und rein in eine ruhige, dunkle Halle voller Fische. Auch das ist eine Form von Pause.

Warum die Liste nie fertig ist
Diese vier Fragen sind eins meiner liebsten Werkzeuge, wenn ich unsere Städtereisen als Familie plane. Das Schöne dabei ist, dass wir mit jeder Stadt dazulernen und besser verstehen, was wir wann brauchen und warum.
In Stockholm zum Beispiel war eigentlich alles entspannt, obwohl überall viele Menschen unterwegs waren. Trotzdem hatten wir nach vier Tagen die große Stadt in den Knochen und wären für eine Pause von der Großstadt dankbar gewesen, wenn die Heimreise nicht ohnehin angestanden hätte. Auch das gehört zur Liste dazu: das Wissen darüber, wie viel Stadt wir als Familie insgesamt vertragen, bevor die vier Fragen allein nicht mehr reichen.
Und mit dem Alter unserer Kinder verändern sich unsere Bedürfnisse weiter. Vielleicht brauchen wir in Zukunft mehr Abenteuer statt mehr Ruhe. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Die Liste wird nie fertig sein, weil wir es auch nicht sind. Wir sind immer mittendrin in unserer eigenen Entwicklung als Familie.
Deshalb würde ich mich freuen, wenn diese Liste auch bei euch weiterwächst. Welche Frage würdet ihr ergänzen? Habt ihr einen Ort gefunden, der genau in eines dieser vier Muster passt? Oder vielleicht in keins davon?
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