
Wenn ich an das Wort „Kraftort“ denke, erscheint direkt wieder eine ganz besondere Zeit vor meinem inneren Auge: Meine Bemühungen die erste doch etwas überwältigende Geburt zu verarbeiten, indem ich bei der Zweiten ganz neue, selbstbestimmte Wege gehe. Ein Tipp war damals, sich mit seinem Kraftort zu verbinden, um sich unter der Geburt gedanklich dorthin zu begeben. Das klingt für mein rationales Gehirn zumindest etwas weniger esoterisch, als die Methode sich durch eine Regenbogen-Entspannung selbst in eine Art Hypnose unter der Geburt zu versetzen.
Was am Ende wirklich geholfen hat, lässt sich rückblickend betrachtet natürlich schwer abschätzen. Entscheidend ist die Tatsache, dass ich die zweite Geburt als wesentlich selbstbestimmter und selbstwirksamer erlebt habe. Und während mein Mann leicht panisch unser Kind auf der Welt begrüßte und gleichzeitig aus dem Fenster schaute, ob denn der Krankenwagen endlich ankommen würde, um uns ins Krankenhaus zu bringen, schwebte ich auf meiner ganz persönlichen Zufriedenheitswolke.
Sadhanas Aufruf zur Blogparade „Welcher Ort ist dein Kraftort?“ hat mich direkt angesprochen und meine Gedanken zurück zu diesem Tag vor über sieben Jahren geschickt. Mit Freude schreibe ich also meine Kraftorte auf – ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe inzwischen drei davon. Und an alle drei flüchte ich mich regelmäßig sowohl gedanklich als auch physisch.
Der Wald
Das war mein erster gedanklicher Kraftort, deshalb darf er hier in der Liste auch als erstes stehen. Dabei kommt es für mich gar nicht so sehr darauf an, was für ein Wald es ist. Das kann ein sattgrüner Mischwald sein, ein sommerlicher Kiefernwald – der Geruch erinnert mich jedes Mal an meine Kindheit, als wir am See baden waren! – oder ein herbstlicher Laubwald. Diese Farben sind einfach jedes Mal aufs Neue wunderschön.
Das Entscheidende am Wald ist für mich tatsächlich die Stille oder zumindest die beruhigenden Geräusche. Wie das Moos unter meinen Füßen meine Schritte dämpft. Oder wie die Blätter in den Bäumen sich raschelnd im Wind wiegen.
Einen Baum habe ich noch nie umarmt. Aber allein die Vorstellung davon mitten an einem Ort zu stehen, der so viel größer ist, als ich es je sein werde, lässt mich zur Ruhe kommen.
Passend dazu fällt mir noch eine Erinnerung ein, die noch gar nicht so lange her ist. Wir waren mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen zur Teamwanderung in die Sächsische Schweiz aufgebrochen – der Wetterbericht hatte 36°C für diesen Tag vorhergesagt. Natürlich war es im Wald zumindest etwas kühler, aber das ist nicht der Moment, der mir jetzt gerade beim Schreiben ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Es ist das Abenteuer danach.
Wir liefen nicht über normale Wanderwege, sondern irgendwie solange querfeldein, bis er Weg unter unseren Füßen völlig verschwunden war. Ab dann ging es über umgestürzte Bäume, durch hohes Gras hindurch und mit großen Schritten über kleine Bäche. Unterwegs trafen wir eine Kreuzotter, ein Reh und irgendwo neben uns raschelte auch ein Wildschwein durchs Gebüsch.
Und während einige meiner Kollegen schimpften wie die Rohrspatzen, bekam ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht. Das hier war ein völlig unerwartetes Abenteuer und gleichzeitig ein Tag, der mir so viel Freude und so viel Kraft geschenkt hat. Wenn es also nach mir ginge, könnte die Teamwanderung jedes Jahr so ablaufen!

Das Meer
Nicht nur der Wald schafft es, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, sondern auch das Meer. Kein Wunder also, dass Orte am Meer jedes Jahr ganz oben auf meiner Urlaubswunschliste stehen. Es ist das vertraute Gefühl von Sand zwischen den Zehen, von Wellen, die über meine Knöchel schwappen und von salziger Luft, die um meine Nase weht.
Doch am allerliebsten bin ich am Meer, wenn es wild und ungezähmt ist. Wenn die Wellen sich hoch auftürmen, der Sturm jeden Gedanken aus meinem Kopf zerrt
und sich mein Puls an dem Rhythmus der Wogen anpasst. Das ist der Zeitpunkt, an dem mich nichts mehr an Land hält. Dann stürme ich selbst bei eisigen Temperaturen ins Meer hinein – nur bis zu den Knien natürlich – und lasse mich von der Kraft der Natur aus der Bahn werfen.
Ich habe das schon als Kind geliebt, als ich jedes Jahr mit meinen Eltern an die Ostsee gefahren bin. Auf Mallorca wurde ich einmal beschimpft, weil ich trotz Sturm im Wasser war, um die Wellen zu genießen. Zum Glück auf Spanisch, ich habe also kein Wort verstanden. Und selbst wenn doch, wäre es mir egal gewesen. Ich kenne das aufbrausende Meer sehr gut und weiß genau, wie gefährlich es werden kann.
Letztes Jahr im Sommerurlaub konnte ich zum ersten Mal diese Liebe an meine Kinder weitergeben. Aus den Skeptikern wurden an der Opalküste Frankreichs Wellenliebhaber, die Seite an Seite mit mir in die Fluten sprangen. Vielleicht lag es daran, dass sie inzwischen beide schwimmen konnten. Vielleicht lag es auch daran, dass das Wetter es gut mit uns meinte und uns fast täglich mit Wellen beglückte. Ich bin in beiden Fällen dankbar für die Bilder in meinem Kopf, wie wir Hand in Hand Erinnerungen für die Ewigkeit schufen.


Mein Bett
Ja, dieser letzte Kraftort mag nach den beiden vorangegangenen Naturorten etwas simpel und banal erscheinen. Wald und Meer sind wundervoll, aber in meinem städtischen Leben (leider) nicht täglich erlebbar. Genau hier kommt mein Bett ins Spiel. Es war eigentlich schon immer präsent, auch wenn ich es früher nicht als „Kraftort“ bezeichnet hätte.
Wo liest es sich schöner als im Bett? Wenn ich erst einmal mit einem Buch angefangen habe, dann höre ich so schnell nicht mehr damit auf. Also brauche ich einen Ort, der maximal bequem ist. Gleichzeitig gibt ausreichender Schlaf meinem Körper viel Energie – niemand sagt, dass ein Kraftort nur für mentale Kraft zuständig ist.
Wobei natürlich mein Bett auch mein Zufluchtsort ist, wenn mir alles zu viel wird. Schlafzimmertür zu, Decke über den Kopf und in der Dunkelheit Gedanken sortieren. Funktioniert ganz hervorragend. Funktioniert inzwischen sogar so gut, dass die Kinder mich nur noch selten stören, wenn ich im Schlafzimmer eine Pause mache.
Wie oft ich mich so zurückziehe, könnte ich gar nicht genau sagen. Und hinterher weiß ich meistens selbst nicht mehr, was mich eigentlich dorthin getrieben hat. Nur, dass sich in der Dunkelheit etwas verändert: Der Puls wird ruhiger, die Atmung tiefer. Die Überforderung im Kopf macht Platz, negative Gedanken wandeln sich in etwas Konstruktives und irgendwann ist wieder Raum für das, was von außen auf mich einströmt.
Wald, Meer, Bett – auf den ersten Blick könnten die drei unterschiedlicher nicht sein. Und doch verbindet sie für mich dasselbe: die Stille in mir. Das Rauschen der Blätter und das Tosen der Wellen sind alles andere als leise. Trotzdem finde ich gerade dort zu mir selbst.
Als introvertierter Mensch kostet mich jeder Reiz von außen ein kleines bisschen Energie. Deshalb sind meine Kraftorte der Ausgleich dazu. Momente, in denen die Gedanken zur Ruhe kommen und ich einfach nur da sein kann, mit dem, was gerade ist. Nur ich und die Stille.
Manchmal teile ich diese Momente, manchmal genieße und brauche ich sie allein. Beides hat seinen Platz. Aber gerade das Alleinsein ist es, das mir am Ende die Kapazitäten zurückgibt, die ich für alles andere brauche. Am Ende geht es nicht um den Ort selbst, sondern um das, was er in mir zur Ruhe bringt.
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Ich lese gerade ein richtig interessantes Buch über Zeichen und Symbole, in dem ich gestern auf der Seite über den Wald angekommen bin! Dort heißt es: Dass Wälder sowohl Ort der Angst als auch willkommene Rückzugsmöglichkeiten sind! Für mich waren sie immer nur Letzteres! Ich fühle mich im Wald auch richtig wohl, vor allem wenn ich mit meinem Pilzkorb umherziehe!
Am Meer bin ich nur gern, wenn dort nicht Menschenmassend brutzelnd in der Sonne liegen! Und in meinem Bett fühle ich mich auch pudelwohl!
Mein persönlicher Kraftort wäre noch die Badewanne! Die tut mir nach einem anstrengenden Tag auch richtig richtig gut!
Liebe Grüße
Jana
Spannend! Ich könnte mir vorstellen, dass die Märchen unserer Kindheit nicht ganz unschuldig daran sind, wenn wir Angst vor dem Wald haben.
Das ist dort nicht gerade ein Ort, wo alles gut geht. 😉
Und ja – bei Badewann stimme ich dir definitv zu!
Liebe Grüße
Lisa