
Manchmal entscheiden 7 Minuten über Leben und Tod. Keine Sorge, ihr seid nicht plötzlich auf einem Blog über Erste Hilfe oder Herz-Kreislauf-Störungen gelandet. Denn sobald das Herz aufhört zu schlagen, kann das Gehirn noch ganze 7 Minuten überleben.
Aber die 7 Minuten, von denen ich spreche, beziehen sich auf eine Kirchturmuhr in Görlitz, die genau diese Minutenanzahl zu zeitig schlägt. Ich weiß noch, wie ich im Unterricht saß und die Uhr Schlag für Schlag mitzählte, bis ich irgendwann aufgehört habe, mich darüber zu wundern. Warum sie prinzipiell 7 Minuten zu früh schlägt, erfahrt ihr gleich.
Görlitz steckt voller Geschichten. Wenn ihr mit Kindern durch die Stadt lauft, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn hinter fast jeder Gasse und jeder alten Fassade steckt eine spannende Erzählung. Die gruseligsten Görlitz Sagen für Kinder habe ich hier schon einmal aufgeschrieben. Aber die Stadt hat noch eine andere Seite. Geschichten, die weniger mit Schaudern zu tun haben und mehr mit Menschen, die Fehler gemacht oder zu lange im Wirtshaus gesessen haben. Sagen sind es trotzdem, auch wenn man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, dass da vielleicht doch mehr Wahrheit drinsteckt als in mancher Geschichtsstunde.
Die Verrätergasse
Damit ich euch nicht noch ewig auf die Folter spanne, beginne ich gleich mit der wohl bekanntesten Sage aus Görlitz. Und dem Grund, warum die Uhren hier auch heute noch ein bisschen anders ticken.
Vermutlich im Jahr 1527 waren die Bürger der Stadt Görlitz wieder einmal sehr unzufrieden mit der Obrigkeit. Vor allem die Tuchmacher forderten mehr Rechte und wollten im Rat vertreten sein. Da jede Rebellion hart bestraft wurde, trafen sie sich heimlich mitten in der Nacht im Haus von Peter Liebig in der Langenstraße. Sie schlichen im Schutz der Dunkelheit vom Obermarkt durch eine schmale Gasse zum Treffpunkt, der durch eine Tür in der Gasse betreten werden konnte.
Dabei mussten sie vorsichtig sein, denn der Nachtwächter begann seine Runde immer um Mitternacht am Rathaus und kam wenige Minuten später an der Gasse vorbei.
Eines Nachts aber schlug die Kirchturmuhr der Dreifaltigkeitskirche sieben Minuten zu zeitig. Da sich die Verschwörer nach ihr richteten, machten sie sich zu früh auf den Heimweg und der Nachtwächter kam genau in diesem Moment vorbei. Er meldete seine Beobachtung dem Rat, die Aufständischen wurden verhaftet, verhört und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde auf dem Fischmarkt vollstreckt.
Zum Gedenken an die Verschwörung erhielt die Gasse den Namen Verrätergasse und neben der Tür wurde eine Tafel mit der Aufschrift D.V.R.T. – Der Verräterischen Rotte Tür aufgehangen.
Bis heute schlägt die Kirchturmuhr der Dreifaltigkeitskirche sieben Minuten zu zeitig.


Der geistesgegenwärtige Kupferdecker
Die eindrucksvollste und vermutlich meistfotografierte Kirche in Görlitz ist die Peterskirche. 1776 musste ihr Dach erneuert werden. Franz Hesse arbeitete mit seinem Meister auf dem Kupferdach. Am frühen Nachmittag des 3. Augusts schien die Sonne so unbarmherzig vom Himmel hinunter, dass der Geselle sich dicke Lappen um die Hände gewickelt hatte, denn die Kupferbleche, die er nach oben weiterreichen musste, waren heiß und scharfkantig.
Franz richtete sich kurz auf und sah direkt unter sich das Haus von Gertrud — dem hübschesten Mädchen, das er kannte. Leider war er nicht, der Einzige, der um ihre Gunst buhlte. Denn davor saß Otto, der Bäckergeselle.
Franz beugte sich ein bisschen weiter über den Vorsprung, rutschte über die Kante und stürzte. Mit letzter Kraft schlug er die Axt beim Vorbeifallen in einen Balken und hing in schwindelerregender Höhe. Seine schweißnasse Hand rutschte langsam vom Stiel der Axt ab. Unten brachten Leute Strohsäcke, die den Sturz dämpfen sollten.
Franz sah unten noch in Gertruds ängstliches Gesicht, bevor die Axt nachgab und er in die Tiefe stürzte.
So endete an diesem Tag das Leben von Franz Hesse auf dem Pflaster neben der Georgskapelle. Im schwarzen Kopfsteinpflaster auf der neißezugewandten Seite der Peterskirche erinnert noch heute ein steinernes Kreuz daran. Außerdem wurde an der Mauer des Nikolaifriedhofes eine Gedenktafel für den jungen Dachdecker angebracht.


Die zwei Männer und der Krug
Wer mit offenen Augen durch die Neißstraße geht, wird feststellen, dass an der Kreuzung zur Kränzelstraße zwei steinerne Männer aus dem ersten Stock herabblicken. Die Bedeutung dahinter ist nicht eindeutig geklärt.
Einige sagen, dort sei früher ein Gasthaus gewesen. Andere vermuten, der Krug markiere den Pegelstand eines alten Hochwassers der Neiße. Damit würden die Männer demonstrieren, dass sie in dieser Höhe das Wasser aus dem Fluss schöpfen konnten.
Die spannendste Erklärung aber ist diese: Die beiden Männer – vermutlich Vater und Sohn – waren öfter im Wirtshaus, als es den Ehefrauen gefiel. Eines Abends gingen sie aus Furcht vor dem Streit einfach in die andere Richtung. Erst über die Neiße und dann nach Böhmen, wo es angeblich gutes Bier geben sollte. Das zumindest wurde unter den Händlern, die über die Handelsstraße in die Stadt Görlitz kamen, berichtet.
Das Bier in Böhmen war gut und eine Weile ließen es sich die beiden richtig gut gehen. Mit der Zeit aber stellten sie fest, dass das Bier nicht besser war als zu Hause und auch das Geld zur Neige ging. Auf dem Heimweg kauften die beiden einen großen Krug böhmisches Bier, um die Frauen zu Hause milde zu stimmen. Und dieses Geschenk ist deshalb so besonders, weil der Weg weit war und die beiden es schafften, den Krug bis nach Hause zu tragen ohne auch nur den Inhalt anzurühren.
Zu Hause verziehen die Frauen ihren Männern.

Die Sage von der Entstehung des Heiligen Grabes
Um das Jahr 1465 zerrissen sich viele Einwohner der Stadt Görlitz das Maul über Georg Emmerich, den Sohn des Bürgermeisters. Er hatte der Tochter eines Tuchmachers die Ehe versprochen, um sie zu verführen. Das Versprechen löste er nicht ein, denn eine Verbindung zu einer Tuchmacherfamilie war weit unter seinem Stand.
Die Angelegenheit schaukelte sich schnell zu einem politischen Problem hoch, der Vater des Mädchens schäumte und die Tuchmacher nutzten die Gelegenheit, um Stimmung zu machen. Der Bürgermeister schickte seinen Sohn auf eine lange Reise und damit vorerst außer Reichweite. Offiziell wurde verkündet, dass er seine Taten bereue und im heiligen Land Buße tun wolle. Tatsächlich reiste Georg Emmerich allerdings mit der hübschen Witwe Agnete Fingerin, die sich als Mönch verkleidet hatte.
Dennoch führte ihn die Reise bis nach Jerusalem, wo er das Heilige Grab besuchte. Das schien ihn so beeindruckt zu haben, dass er gleich nach seiner Rückkehr mit einem Baumeister erneut nach Jerusalem reiste, um es genau vermessen und skizzieren zu lassen. Wieder in Görlitz angekommen, wurde es ab 1481 südlich des Ölberggartens maßstäblich verkleinert nachgebaut. Es kann heute noch besichtigt werden.
Frau Agnete ließ nach der Pilgerreise für die Armen der Stadt das nach ihr benannte Agnetenbrot backen und kostenlos verteilen.

Der Bierkrieg zwischen Görlitz und Zittau
Rund 150 Jahre nach Gründung des Sechsstädtebunds — Görlitz, Zittau, Bautzen, Kamenz, Lauban und Löbau — geriet die Einigkeit zwischen den Städten 1490 stark ins Wanken. Und das alle wegen des Bieres.
Jede Stadt braute ihr eigenes und in Görlitz waren es die Tuchhändler, die das Recht dazu besaßen und mit dem Bierhandel zusätzlich verdienten. Sie hatten sogar einen kaiserlichen Erlass erwirkt, der Brauern außerhalb der Stadt verbot, ihr Bier im Görlitzer Umkreis zu verkaufen. Die Konkurrenz hielt sich nicht daran, woraufhin die Görlitzer Leute aussandten, die das fremde Bier beschlagnahmten.
Als die Zittauer mit einer großen Lieferung unterwegs waren, wurden sie bei Ostritz überfallen. Die Fässer wurden zerstört, das Bier sickerte in den Boden. Für die Görlitzer war das Problem durch diese Aktion aber nicht gelöst, denn die Zittauer schickten erst einen Fehdebrief, bevor sie die Dörfer im Görlitzer Umland überfielen und ausraubten.
Daraufhin schaltete sich der Landvogt ein, verurteilte die Verstöße der Zittauer und erlegte ihnen eine nicht unwesentliche Geldbuße auf, die allerdings erst Jahre später gezahlt wurde.
Das Bierbrauen spielt noch immer eine wichtige Rolle in Görlitz. Bei einer Führung durch die Landskron BRAU-MANUFAKTUR könnt ihr zusätzlich einen Blick in die historischen Backsteingebäude werfen, die zu den ältesten noch produzierenden Industriedenkmälern Deutschlands gehört. Und wer mit Kindern unterwegs ist: Der Naturschutz Tierpark Görlitz liegt nur einen Katzensprung entfernt und lohnt sich sehr.

Der Schatz in der Landeskrone
Vor vielen Jahren ging eine Mutter mit ihrer Tochter auf die Landeskrone. Während die Mutter nach Himbeeren suchte, entdeckte die Tochter eine geöffnete Tür in einem Felsen. Die Mutter kannte sie nicht, obwohl sie schon oft auf dem Berg gewesen war. Gemeinsam überschritten sie die Schwelle und standen in einem Gewölbe, an dessen Wänden riesengroße Truhen standen, alle bis zum Rand gefüllt mit Gold und Silber.
Da niemand den Schatz zu bewachen schien, setzte die Mutter ihr Kind auf einen Tisch in der Mitte und steckte sich so viel ein, wie sie tragen konnte. Gerade als sie die Schwelle erneut übertrat, erinnerte sie sich an ihre Tochter, die sie in der Freude über den plötzlichen Reichtum vergessen hatte. Aber als sie sich umdrehte lag der Felsen still vor ihr und nirgends zeigte sich eine Tür in das Innere des Berges. Müde setzte sie sich auf einen Stein und weinte. Viele Stunden später suchte sie in der Stadt beim Bürgermeister Rat.
Dieser schickte 100 Arbeiter, aber niemand fand das Kind. Mit dem Verschwinden ihrer Tochter wich auch alle Lebensfreude aus der Mutter. Das Gold wollte sie nicht länger haben und verteilte es unter den Armen.
So verging ein Jahr. Wie so oft ging auch an diesem Tag die Mutter auf die Landeskrone, um um ihr Kind zu trauern. Doch diesmal kam ein Vöglein zu ihr und führte sie zu der verborgenen Tür. Ohne zu Zögern lief die Mutter hinein und fand ihre Tochter munter auf dem Tisch sitzend. Genau dort, wo sie sie vor einem Jahr zurückgelassen hatte.
Ringsherum glitzerten die Gold- und Silbermünzen, doch die Mutter hatte nur Augen für ihre Tochter, die sie mit unbeschreiblicher Freude an sich presste und nach Hause trug.
Wo genau sich der Fels mit der Tür befunden haben soll, ist nicht bekannt. Aber vielleicht wollt ihr eine kleine Wanderung auf die Landeskrone unternehmen und danach suchen? Interessante Hintergrundinformationen zum vulkanischen Ursprung und einen tollen Blick über die Umgebung der Stadt Görlitz gibt es inklusive.

Görlitz hat mich als Heimat nie ganz losgelassen. Vielleicht liegt es an den Geschichten, die sich in den Gassen und Fassaden verstecken. Vielleicht auch an einer Kirchturmuhr, die bis heute sieben Minuten zu früh schlägt und mich jeden Tag im Unterricht daran erinnert hat, dass diese Stadt ihre eigenen Regeln hat.
Kennt ihr noch andere Sagen aus Görlitz, die ich hier (oder im Artikel über die gruseligen Sagen) vergessen habe? Ich freue mich über eure Ergänzungen in den Kommentaren.
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Hach, ich liebe ja solche Geschichten! Vor allem, wenn da ein historischer Kern drinsteckt! Besonders gefallen hat mir der Schatz in der Landeskrone! Beim Lesen konnte ich die Trauer und die Erleichterung der Mutter förmlich spüren! Was nützen alle Reichtümer der Welt, wenn man sein Kostbarstes verliert?
Von meinem kleinen Dorf kenne ich nur eine Sage: Dort, wo heute unser See liegt, soll früher das Dorf Görne gestanden haben. Weil die Bewohner einen armen Fremden schlecht behandelten, wurde das Dorf verflucht und versank im Wasser. Nur ein Mädchen überlebte und weinte auf dem benachbarten Hügel bitterlich über den Verlust; der Sage nach entstand aus ihren Tränen der See. Danach erzählte man sich noch lange von Stimmen aus dem Wasser und merkwürdigen Ereignissen am Ufer.
Gibt es solche Sagen auch über Dresden?
Liebe Grüße
Jana
Das ist auch eine spannende Geschichte. Ich liebe solche Geschichten, die man sich früher am Lagerfeuer erzählt hat!
Dresden hat die bestimmt auch!
Ich muss aber zugeben, dass ich mich damit noch nie beschäftigt habe. Und das obwohl ich seit 12 Jahren hier lebe…
Da bringst du mich gleich auf Ideen für weitere Artikel 😀
Liebe Grüße, Lisa
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