
Wieder ist ein Monat vergangen und wieder habe ich sehnsüchtig auf Christianes Schreibeinladung für die nächste abc.Etüde gewartet. Dieses Mal waren die Worte Notwendigkeit, authentisch und dämmern vorgegeben. Die Idee kam sofort, aber hätte ich sie so wie die letzten Monate auch sofort aufgeschrieben, würdet ihr gleich eine ganz andere Geschichte lesen.
Als wir nach unserem Urlaub auf Mallorca in den Osterferien wieder zu Hause ankamen, spukte eine bestimmte Erinnerung in meinem Kopf herum, die erzählt werden wollte. Eine, die mir genau dann in den Sinn kam, wenn ich an die drei Pflichtwörter dachte. Also habe ich ihr den Raum gegeben, den sie braucht, bevor der Moment und das Gefühl verblassen können.
Die kalte Morgenluft beißt sich durch meinen dünnen Pullover. Auch nach über acht Jahren Mutterschaft denke ich noch immer zuerst an mein Kind und dann an mich. Deshalb schlendert mein Sohn gut gelaunt mit seiner Jacke neben mir her. Zumindest meine Hand hat er in seine genommen. Um mich zu wärmen, sagt er. Da wird mir doch gleich zumindest von innen etwas warm.
Nachdem wir die Standfestigkeit der Sandburgen vom Vortag überprüft hatten, sitzen wir jetzt zu zweit im verlassenen Rettungsturm und lauschen dem leisen Rauschen der Wellen. Kein Mensch weit uns breit. Vor uns blinken Schiffsmasten in der Dunkelheit. Hinter uns, über den Bergen, beginnt es langsam zu dämmern. Herzukommen war heute Morgen eine absolute Notwendigkeit gewesen und jetzt, in dieser Stille, habe ich zum ersten Mal seit unserer Ankunft das Gefühl, für einen Moment ganz bei mir zu sein.
Ich hebe den Blick. Die Sterne über uns werden gleich im Morgenlicht verschwinden, aber genau jetzt sind sie noch da und ich bewundere ihre Schönheit. Mein Sohn denkt anders. Er steht auf und sieht mich fragend an. Weitergehen. Ein Lächeln huscht mir über die Lippen.
Ich nehme noch einen großen Atemzug und fülle meine Lungen mit der leicht salzigen Meerluft. Egal wie unruhig die Nacht gewesen war, egal wie oft ich mir gewünscht hatte, einfach nach Hause zu fahren: Diese Erinnerung – das spüre ich jetzt schon – wird mir für immer bleiben. Nur mein Sohn, ich und ein verlassener Strand im Dunkeln. Meilenweit entfernt von allem, was die Mehrheit als authentisches Mallorca bezeichnen würde.
Ich stehe auf und nehme seine Hand. Diesmal bin ich es, die sie festhält und wir laufen gemeinsam dem Morgen entgegen.
Diesmal sind es „nur“ 277 Wörter geworden – erlaubt wären 300 – aber mehr brauche ich nicht, um diese Erinnerung festzuhalten. Ich höre lieber hier auf, als den Moment zu überladen. Zum Beispiel mit der Szene, als ich mir kurz zuvor den kleinen Finger an einem Sonnenschirm gequetscht habe, den ich wieder in den Sand gesteckt hatte. Diese unfreiwillig komische Aktion hätte einfach nicht zum Rest gepasst.
Und falls ihr euch fragt, wie der Finger jetzt aussieht: Wieder ganz normal, nachdem er den typischen Farbverlauf von blau über lila zu grün und gelb genommen hat.
Dass auf diesen Morgen ein absoluter umwerfender Tag folgen würde, ahnte ich in der Dunkelheit am Strand noch nicht. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Habt ihr auch manchmal Momente, bei denen es euch in den Fingern juckt sie sofort aufzuschreiben? (Insofern alle heil geblieben sind…) Ich freue mich darauf, in den Kommentaren davon zu lesen.
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Pingback: Wanderung nach La Trapa auf Mallorca – Erlebnisbericht
Mir ist so egal, was andere als „authentisches Mallorca“ bezeichnen. Du hast deins erlebt – beziehungsweise ihr eures, das reicht doch, oder? 😉 Danke fürs Teilen deiner traumhaften Erinnerung, und danke, dass du sie in eine Etüde gepackt hast.
Fast-Mittag-Teegrüße 😀
Mir auch, aber authentisch musste noch mit rein 😀
Und an dieser Stelle fand ich es am passendsten.
Liebe Grüße zurück nach Hamburg.
Lisa
Ein besonderer Moment wunderhübsch eigefangen.
Ich saß im Urlaub mal im ersten Frühlicht mal mit meiner Tochter auf einem Hochsitz und wir haben ein Fuchsbaby gesehen, nie wieder war mein kleines Hampelchen so andächtig, das bleibt auch immer eine Kostbarkeit in meiner Seele.
Da entsteht sofort ein wundervolles Bild in meinem Kopf. Ein Fuchsbaby…
Das wäre auch für uns ein unvergessliches Erlebnis gewesen. 🙂
Es war so süß, es hat wie eine Babykatze mit Pflanzenstängeln gespielt und immer wieder arglos zu uns raufgeschaut-
und dann kam Mama, irgendwas Bluttriefendes im Maul und man konnte die Standpauke regelrecht hören, so als wären unsere Kinder mitten auf der Hauptstraße Skateboard gefahren oder sowas, ratzfatz ist folgsam im Bau verschwunden,
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