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Spiegelungen im Sumida-Fluss – abc.Etüden September ’26

abc.Etüden September 2026 - Spiegelungen des nächtlichen Tokyo im Sumida Fluss
das nächtliche Tokyo und seine Spiegelung im Sumida-Fluss

Wenn der Sommer langsam in den Herbst übergeht, ist das für mich ein Grund zu feiern. Die heißen Temperaturen sind absolut nicht mein Fall – deshalb entfliehen wir ihnen in den Ferien auch gern gen Norden. Und während die zweite Hitzewelle über Deutschland zog, haben wir im Familienurlaub auf Island mit Gletschereis gekuschelt. Absolut empfehlenswert!

Jetzt, wo der Herbst beginnt und sich das Laub vor dem Fenster langsam verfärbt, ist auch endlich wieder Etüdenzeit. Überbrückt nur vom Etüdensommerpausenintermezzo (ich liebe das Wort immer noch :D), war es die letzten Monate sehr ruhig. Aber jetzt kam Christianes Schreibeinladung hereingeflattert und es geht wieder los – mit einer Geschichte passend zum heutigen Tag, denn die Erinnerung ist auf den Tag genau 10 Jahre alt.

Die geforderten Wörter Wetterumschwung, versickern und abwechslungsreich passen perfekt dazu. Ich glaube ich hätte ncoh ewig weiterschreiben können. Aber hier bekommt ihr die Kurzfassung mit 299 Wörtern.


Als ich wach werde, weiß ich für einen Moment nicht, wo ich bin, wer ich bin oder wie ich überhaupt bin. Das Hotelzimmer in Tokyo hat Mikrogröße, ebenso das Bett, in dem ich gegen meinen Mann pralle, der genauso hellwach ist wie ich. Draußen fällt kein Licht durch den Vorhang, meine Uhr zeigt kurz vor Mitternacht. Beim Blick aus dem Fenster stelle ich fest, dass der Monsunregen der letzten Stunden gerade irgendwo in den Gassen versickert und sich ein Wetterumschwung ankündigt, der uns vielleicht ein trockenes Zeitfenster schenkt.

Aus dem Hinterkopf taucht eine Idee auf, die wir eigentlich verworfen hatten. Die Fischmarktauktion beginnt mitten in der Nacht. Tickets dafür lassen sich nicht reservieren, man braucht nur Glück und die Bereitschaft, früh genug da zu sein. Schnell packen wir den Rucksack und laufen los, mit nichts als einer groben Richtung im Kopf. Der Himmel über uns ist tiefschwarz, die Stadt darunter hell erleuchtet. Die Straßen gehören zu dieser Stunde nur uns, den Wächtern des Kaiserpalastes, die uns von Weitem skeptisch mustern und einem Polizeiauto mit Sirene.

Im Stadtteil Ginza verlieren wir uns zwischen modernen Glasfassaden und laufen durch die schmalen, fast schon antiquiert wirkenden Gassen dazwischen. Die Stadt zeigt sich in dieser Nacht als ein Spiel aus Licht, Schatten und Spiegelungen. Als wir schließlich den Fischmarkt erreichen, steht dort ein Reisebus, dessen Reiseleiter gerade die letzten Tickets für die Auktion löst. Zu spät.

Der Rückweg entschädigt uns mit einem abwechslungsreichen Schauspiel. Langsam geht die Sonne auf und taucht die Stadt in ein rot-orangenes Licht, das dem Tokyo Tower Konkurrenz macht, an dem wir kurz darauf vorbeikommen. Im Hotel wartet ein japanisches Frühstücksbuffet mit Miso-Suppe und vielen anderen Dingen, die wir bis heute nicht benennen können. Aus 3,3 Kilometern wurde eine Nachtwanderung, die wir nie geplant hatten und nie vergessen werden.




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