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Hinter Glas – abc.Etüden Januar ’26

Hinter Glas - abc.Etüden Januar 2026
Titelbild wurde mit KI erstellt

Neues Jahr – neue Blogziele und Gewohnheiten. Da der kreative Fantasievulkan in mir gerade sprudelt ohne Ende, habe ich eine Schreib-Challenge gefunden, die mich nicht mehr loslässt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich habe vergangene Nacht sogar davon geträumt. Es geht um die abc.Etüden, eine Schreibaktion von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer. Jeden Monat gibt es drei Worte als Spende, die dann in einen Text verwurstelt werden dürfen. Mit gerade mal 300 Wörtern. Maximal! Wow, das ist für mich definitiv eine Herausforderung, wo ich doch so gerne ausführlich in meine Geschichten eintauche.

Folgende Wörter waren diesen Monat vorgegeben: Gewohnheitstier, einsetzen, absichtlich.


Wie jeden Morgen saß sie am Fenster und ließ die Welt draußen auf sich wirken. Seitdem gestern Abend der Schneefall eingesetzt hatte, wirkte die Welt unter ihr plötzlich fremd und leise, als hätte jemand die Stadt in Watte gehüllt. Unter ihr bewegten sich die Menschen wie kleine Marionetten. Wie immer tauchte ein Mann im braunen Mantel mit einer Aktentasche in der Hand, kurz bevor die Straßenbahn einfuhr. Anwalt-Andreas, wie sie ihn zynisch nannte, trug heute eine neue tannengrüne Mütze. Vermutlich ein Weihnachtsgeschenk und unwillkürlich fragte sie sich, ob ihm das Glück ins Gesicht geschrieben stand, während ihr eigenes irgendwo zwischen den Rissen der Wände verschwunden war. Von hier aus konnte sie es nicht erkennen. Kurz darauf rollte ein Kastenwagen vorbei, hupte einmal in die weiße Stille und verschwand wieder.

Sie lehnte sich seufzend gegen die Wand und ließ die Augen dem Tanz der Schneeflocken folgen. Jeder wirbelnde Kristall schien ihr ein kleines Stück Freiheit vorzutäuschen. Ihr Blick glitt zum Tierpark gegenüber. Am Eingang würde auch dieses Jahr wieder das gleiche Storchenpaar brüten. Früher hatte sie an Treue geglaubt, doch jetzt wusste sie es besser. Die Störche kehren jedes Mal zum selben Horst zurück und begegnen einander zufällig wieder. Eine romantische Lüge, dachte sie bitter.

Und während draußen die Menschen mit ihren Routinen ein immergleiches Schauspiel aufführten, merkte niemand, dass sie selbst, reglos hinter der Fensterscheibe, das größte Gewohnheitstier von allen war. Sie zuckt nicht einmal, als hinter ihr die Tür zur üblichen Zeit knirschte.

„Zeit fürs Frühstück.“ Die Stimme des Mannes war ein Knurren. Ungeduldig stellte er eine Schale mit undefinierbarem Inhalt auf den Tisch und ließ die Zellentür absichtlich laut ins Schloss fallen. 187 Tage bis zur Freiheit. 187 Tage bis zu einem Leben, das ihr so fern und ungreifbar erschien, wie der Winterhimmel draußen.


296 Wörter – Punktlandung würde ich sagen.

Wenn ihr die abc.Etüden kennt oder selbst schon mitgeschrieben habt, erzählt gern davon in den Kommentaren. Oder von den kleinen und großen Herausforderungen, die ihr bisher im Jahr 2026 gemeistert habt.

8 Gedanken zu „Hinter Glas – abc.Etüden Januar ’26“

  1. Hi Lisa, wie schön, dass du die Etüden gefunden und ausprobiert hast! Freut mich sehr, gerne mehr davon.
    Und was für eine Geschichte: Beim Lesen dachte ich, okay, da ist jemand melancholisch und starrt aus dem Fenster. Passiert oft. Auch dass man sich einen Alltag zu den Leuten ausdenkt, die man sieht. Aber ihr Background, dass sie noch ein halbes Jahr in dieser ZELLE aushalten muss, das ist schon heftig und gibt der Geschichte noch mal ein ganz anderes Gesicht. Gefällt mir sehr. Danke.
    Abendgrüße die Elbe rauf 😉

  2. Sehr überraschende Wende, fügt sich dann aber, schön, dass sie wenigstens noch so viel Ausblick hat aus ihrer Zelle.
    Und auch von mir ein herzliches Etüdenwillkommen – mir macht diese kleine Herausforderung – wenn ich denn die Zeit finde – jedes Mal wieder großen Spaß, eine prima Möglichkeit die Phantasie anzulocken, die doch sonst oft mit Alltagsproblemen abgefertigt wird.
    Natalie, aus dem Fundevogelnest

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