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Heimweg – abc.Etüden Februar ’26

abc.Etüden Februar 2026 - Heimweg
Das Bild wurde KI-generiert

Neuer Monat – neue abc.Etüden. Nachdem es im Januar schon so viel Spaß gemacht hat, einen eigenen Beitrag zu verfassen und bei den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorbeizuschauen, konnte ich die neue Schreibeinladung von Christiane kaum erwarten. Drei Wöter sind vorgegeben, die restlichen maximal 297 dürfen frei erfunden werden. Die Begriffe stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Erfinder der Etüden. Und die hatten es in sich!

Putzmacher – abkupfern – spitzfindig

Wer beim ersten Begriff genauso ungläubig schaut wie ich beim ersten Lesen und drei Sekunden davor ist, Google zu befragen, dem sei hier geholfen: Putzmacher leitet sich vom „Putz“ ab, also von der Verzierung der Kopfbedeckung. Historisch gesehen hatte sich diese Berufsgruppe – im Gegensatz zu Hutmachern – auf Damenmode spezialisiert. Also auf Hüte mit auffälliger dekorativer Gestaltung. Inzwischen lautet die offizielle Bezeichnung Modist und ist ein anerkannter Ausbildungsberuf.

Jetzt denkt ihr vielleicht, ich habe euch mit dieser Erläuterung schon den halben Inhalt vorweggenommen. Mitnichten! (Um im historischen Sprachgebrauch zu bleiben.) Denn ich habe bei diesem Begriff in eine ganz andere Richtung gedacht. Aber lest selbst.


Es ist ein grauer Februartag. Die Wolken hängen tief, als wollten sie sich an die Häuser kuscheln. Trotz fehlender Sonne ist es ungewöhnlich mild für diese Jahreszeit und kein Frost liegt auf den Straßen. Nur die Feuchtigkeit zieht durch unsere Jacken. Der Heimweg vom Kindergarten fühlt sich heute besonders lang an. Meine Tochter läuft neben mir, die kleine Hand fest in meine geschoben. Der rote Rucksack sitzt etwas schief und hüpft bei jedem Schritt auf und ab.

Plötzlich bleibt sie stehen, stemmt die Hände in die Hüften und zeigt mit dem Finger auf eine Baustelle. Dort steht ein Mann und zieht mit einer Kelle Putz über die rauen Ziegelwände eines alten Hauses.

„Was macht der Mann da?“, fragt sie mit großen Augen.

„Der verputzt das Haus“, antworte ich beiläufig.

Meine Tochter dreht sich zu mir, die Stirn gerunzelt. Mit ihrer spitzfindigen Art durchschaut sie sofort, was passiert: „Dann ist das ein Putzmacher.“

Ich will widersprechen, sie korrigieren und erklären, dass der Beruf eigentlich eine andere Bezeichnung hat. Doch meine Gedanken wandern zu den Kalkulationen fürs nächste Quartal und ich merke, wie oft ich selbst Ideen abkupfer, statt eigene Worte zu finden. Also schweige ich und bewundere meine Tochter für ihre kindliche Logik, die sich nur selten an bekannte Regeln hält.

Der Wind spielt mit ihren Haaren und ich beobachte, wie sie aufmerksam jeden Handgriff des Mannes verfolgt. Ihre Augen funkeln vor Neugier.

Am nächsten Tag kommen wir wieder vorbei. Am Gerüst wurde ein Stück Karton befestigt und mit schwarzem Filzstift beschriftet.

Heute arbeitet hier der Putzmacher.

„Guck mal“, sage ich und las das Schild laut vor.

Sie nickt zufrieden. „Hab ich doch gesagt.“

Ein leises Lächeln huscht über mein Gesicht, als mir bewusst wird, wie blind ich durch den Alltag hetze, ohne die kleinen Geschichten zwischen den Häusern wahrzunehmen.


299 Wörter. Geschafft! Wieder bin ich sehr darüber erstaunt, wie kurz ich mich halten konnte. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister.

Was ist mit euch? Welche Assoziationen gehen euch bei dem Begriff Putzmacher durch den Kopf? Und wann habt ihr zuletzt ein Detail in eurem Alltag entdeckt, was andere übersehen haben?

2 Gedanken zu „Heimweg – abc.Etüden Februar ’26“

  1. Hi Lisa,
    schöne Geschichte! Ich habe mich sowieso schon gefragt, ob jemand auf „verputzen“ kommen würde, denn den meisten liegt das doch vermutlich näher als „Modistin“ oder „Putzmacherin“. Und die Geschichte wirkt auf mich so, als hättest du sie selbst erlebt, sehr lebendig, sehr nah, sehr warmherzig.
    Schön, dass du wieder dabei bist! 🙂
    Vormittagsteegrüße aus dem kalten Hamburg! 😀

    1. Liebe Christiane,

      vielen Dank für deine Worte!
      Ganz im Detail so tatsächlich nicht, aber die Kinder haben sich im Laufe der Jahre schon die ein oder andere Wortschöpfung einfallen lassen. 🙂

      Viele Grüße, Lisa

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